Ein Christ muss immer Gott danken und ständig nachdenken!

Seit Anfang des Jahres geht um die Welt ein gefährliches Virus, genannt COVID-19. Überall hat es den gewöhnlichen Lebensrhythmus der Menschen verändert. Während der Ausgangsbeschränkungen hat unsere Gemeinde auch eine neue Erfahrung bekommen. Über die Besonderheiten des geistigen Daseins eines Christen unter der Quarantäne, über den Willen Gottes und über vieles mehr habe ich mich während der Ostertage mit dem Vorsteher der Kirche „Maria Schutz“ in Salzburg, Prof. Georgi Harlow unterhalten.

– Batjushka, Geben Sie Ihren Segen!

– Christus Ist Auferstanden!

– Wahrlich ist Er auferstanden! In diesem Jahr fiel der Beginn der Fastenzeit praktisch mit der Einführung von Quarantänemaßnahmen in Österreich und Deutschland zusammen. Sollten wir als Gläubige darin den Willen Gottes sehen?

– Um diese Frage zu beantworten, müssen wir zuerst an die Worte unseres Herrn Jesus Christus denken: „Selig sind, die reines Herzens sind; denn sie werden Gott schauen“.[1] Die Tatsache ist, dass das Wort „schauen“ in diesem Zusammenhang nicht „Gott mit den Augen sehen“ bedeutet, wie zum Beispiel wir die Dreifaltigkeit auf der Ikone Rubljows sehen. Das Wort „sehen“ oder „schauen“ heißt hier, Gott durch gewisse Eigenschaften zu fühlen, zu erkennen. Dies ist nur für diejenigen möglich, die ein reines Herz anstreben. Die Fastenzeit ist eine besondere Periode der geistigen Reinigung. Das heißt, die Fastenzeit soll ein geistiges Werkzeug für einen Christen sein, welches uns hilft die Leidenschaften und Sünden zu besiegen und sein Herz zu reinigen. Nicht umsonst bedeutet die Zeit des Fastens – Metanoia (auf Griechisch „Buße“) – eine Veränderung des Geistes, der Denkweise und des Lebens.

Mit Anfang der Fastenzeit in diesem Jahr stießen wir auf eine Reihe von Einschränkungen, die durch Quarantänemaßnahmen verursacht wurden. Interessant, dass das Wort «Quarantäne» in der Übersetzung aus dem lateinischen „vierzig Tage“ bedeutet. Ein Zufall? Nun, Du weißt ja, Gott hat keine Zufälle. Ich habe dir schon erzählt, das Phänomen «Quarantäne» war in Venedig sehr weit verbreitet. Diese Stadt hatte damals umfangreiche Handelsbeziehungen mit der ganzen Welt. Die von Weitem angekommenen Seeschiffe sollten vierzig Tage lang unter Beobachtung bleiben. Damit hat man Epidemien in der Stadt vermeiden können. Das heißt, solche Einschränkungen seitens der Zivilbehörden sind nichts Neues, es ist eher eine Art der Fürsorge um Bürger, welche seit der Antike zum Wohle der Menschen praktiziert wurde.

– Möchten Sie sagen, dass der Herr durch diese Situation Seine Fürsorge um uns gezeigt hat?

– Ich denke, zuallererst hat Er seine Liebe gezeigt. Der Herr sagt uns durch den Propheten Hesekiel: „Ich habe kein Gefallen am Tod des Schuldigen, sondern daran, dass ein Schuldiger sich abkehrt von seinem Weg und am Leben bleibt“.[2]  Viele Menschen haben in dieser Zeit, vielleicht zum ersten Mal, über Ihr Leben und ihren Tod in einem Gebet nachgedacht. Und wie viele Menschen haben heldenhaft und aufopferungsvoll gegen diese Krankheit und die damit verbundenen Beschwerden gekämpft, wie viele von ihnen kümmern sich auch um uns, indem sie Ihre berufliche Pflicht erfüllten. Ich spreche hier nicht nur über Ärzte und medizinisches Personal, sondern auch über Freiwillige, Angestellte von Versorgungsdienstleistungen, über die Arbeiter in der Produktion, in Supermärkten, auf der Post und so weiter.

Im Zusammenhang mit deiner Frage denke ich noch an etwas, und zwar: Durch unser Handeln bekräftigen wir unseren Glauben und zeigen Gott und der Welt wie wir wirklich sind. Ich erkläre: Es ist doch am einfachsten, gar nicht in die Kirche zu gehen! Oder zu gehen, aber nicht darüber nachzudenken, wie wir eigentlich beten, was der Sinn unseres Gebetes ist, was passiert im Laufe des Gottesdienstes. Leider verstehen es sogar manche Gemeindemitglieder nicht und beteiligen sich sogar nach der heiligen Kommunion in diversen Auseinandersetzungen. Vielleicht hat der Herr uns die Masken auf den Mund auferlegt, damit wir einfach endlich still werden? Er hat den Mund denjenigen versperrt, die zwar in die Kirche kommen, aber nicht an Gott denken. Somit hat er eine Art Buße auf uns aufgelegt. In der Tat, in der Buße bleibt man eigentlich in der geistigen Quarantäne, um zu verstehen, wie es ist, mit Gott nicht verbunden zu sein und um die Möglichkeit der Verbindung mit Ihm endlich zu schätzen. Heute sind doch manche vom Heiligtum übersättigt, und deswegen vernachlässigen sie es. Ich hoffe, dass sie es während der Selbstisolation verstanden haben, wie wichtig der kirchliche Gottesdienst ist und wie glücklich man ist, regelmäßig die heilige Kommunion empfangen zu können.

Das heißt, selbst in einer Pandemie-Situation sehen wir, dass der Herr alles zum Wohle des Menschen macht. Bekehrt euch! Das einzige, was Er wollte, ein reines Herz in uns zu sehen. Ich weiß nicht, ob noch zusätzliche Argumente notwendig sind, um zu beweisen, dass sich der Herr um uns kümmert, aber dass Er sogar seine Fürsorge um uns durch die Taten der Zivilbehörden gezeigt hat, nun, für mich sagt das auch viel aus.

Jetzt über die Große Fastenzeit: laut Satzung lesen wir von Montag bis Donnerstag der ersten Woche den Kanon des Hl. Andreas von Kreta. Leider macht es nicht jeder. Ich persönlich sehe nun, dass der Herr allen geholfen hat, die zuvor versucht haben sich zu rechtfertigen, um nicht in die Kirche zu kommen.

– Was genau meinen Sie damit?

– Wer etwas will, sucht Wege, und wer etwas nicht will, sucht Ausreden. Und so haben manche immer eine Ausrede gefunden, um nicht in die Kirche gehen zu müssen, um zum Beispiel, den Bußkanon des Hl. Andreas von Kreta mitzuerleben. Aber es ist wirklich ein wunderbares Meisterwerk! Vielleicht indem wir von Ihm in die Selbstisolierung versetzt worden waren, wollte der Herr uns sagen: “Nun gut, Ihr wollt nicht in die Kirche gehen, Ihr wollt Euch hinter Sorgen und Problemen verstecken, dann werde ich sowohl den Ausgang in die Stadt, als auch die Kommunikation und eure Arbeit einschränken…». Interessant ist auch, dass die Kinderferien auch in der Großen Fastenzeit stattgefunden haben. Viele hatten ursprünglich Pläne, in die Berge zu fahren, oder anders wohin, um sich auszuruhen. Generell, leider, denkt man heute nur an die ständige Erholung (lächelt), das ist so ein weltweiter Trend. Aber die Fastenzeit sollte doch zur freiwilligen Einschränkung werden. Also, ob wir es wollten oder nicht, alle haben Einschränkungen bekommen, sogar vom Staat.

– Batjuschka, welche Beschränkungen haben unsere Gemeindemitglieder bekommen, und generell, welche Veränderungen hat unsere Gemeinde und unsere Diözese erlitten?

– Vor allem viele Gemeindemitglieder haben keine Möglichkeiten gehabt, Gottesdienste zu besuchen. Die Grenzen zwischen Österreich und Deutschland wurden schnell geschlossen. Die katholischen Kirchen, die wir für die Gottesdienste in Traunreut und Rosenheim mieten, waren auf Anordnung der örtlichen Behörden geschlossen, so dass wir uns, um zu beten, überhaupt nicht versammeln konnten. Gott sei Dank haben wir die liturgische Praxis in Deutschland wieder aufgenommen, obwohl wir noch immer stark in der Anzahl der Gläubigen und in der Dauer der Gottesdienste eingeschränkt sind.

In Österreich war die Situation besser, weil die Kirchen nicht geschlossen wurden. Zur gleichen Zeit konnten nicht mehr als fünf Personen am Gottesdienst teilnehmen. Bei Gottesdiensten waren also ich – der Priester, ein Altarhelfer und der Chor, der aus meiner Frau und unseren zwei Kindern besteht. Ich musste hinter verschlossenen Türen Gottesdienste halten, aber auch dafür Gott sei Dank, denn in manchen Gemeinden war die Beschränkung sogar nur auf zwei Personen. Wir konnten die Anzahl der Gottesdienste erhöhen, das heißt, die Liturgie wurde häufiger als üblich gefeiert. Darüber hinaus war die Kirche während der Woche täglich geöffnet, die Schwesternschaft war im Dienst, und während der gesamten Fastenzeit konnte man in die Kirche kommen um zu beten. Kurz gesagt, das Haus Gottes war geöffnet.

Leider hat das Osterkonzert nicht stattgefunden. Auch die Diözesanversammlung wurde abgesagt. Die Veranstaltung zur Feier des 100. Jahrestages der Gründung der Orthodoxen Kirche im Ausland wurde ebenso abgesagt. Ursprünglich war nach Pfingsten ein Konzil geplant, wo alle unsere Bischöfe, Vertreter der Diözesen sowie viele Gäste eingeladen waren. Es gab am 9. Mai keine Kranzniederlegung auf dem Friedhof, und die gemeinsame Totennachdacht-Messe wurde durch die individuelle zu Radoniza ersetzt. Es ist sehr traurig, dass in diesem Jahr die Ikone der Mutter Gottes «Kurskaja korennaya» nicht nach Deutschland gebracht werden konnte und so auch nicht in unsere Gemeinde.

– Batjuschka, zu Beginn der Pandemie als die ersten Einschränkungen eingeführt wurden, gab es viele Diskussionen über den Aufenthalt in der Kirche. Einerseits könnte jeder von uns in einem geschlossenen Raum andere anstecken und auch selbst zum Opfer des Virus werden, das heißt, jeder gefährdete sich und seine Mitmenschen. Andererseits hatten wir das Gefühl, dass wir unseren Glauben und die Kirche verraten, indem wir am Sonntag während der Fastenzeit zuhause bleiben. Man wollte alle Hindernisse überwinden, Verbote und geschlossene Türe ignorieren und doch in die Kirche kommen, um Gesänge der Liturgie mitzuerleben. Können Sie, bitte, jetzt ganz klar Akzente setzen und erklären, wie ein Christ in solchen Situationen handeln sollte?

– Leider ist die Neigung zum ungehorsam in uns bereits tief verwurzelt. So habe ich zum Beispiel noch vor den Ausgangsbeschränkungen diejenigen in die Kirche eingeladen, die seit längerer Zeit die Kirche am Sonntag nicht besucht haben, aber tausend Gründe angaben, warum sie nicht kommen konnten. Sobald wir auf Anweisungen der Behörden die Einschränkungen eingeführt haben, gab es unangenehmes Gerede und sie fühlten sich sogar dadurch beleidigt.

Ja, es war schwer und schmerzhaft, die Gläubigen jedes Mal einzuschränken, aber ein Verstoß gegen die Vorschriften hätte schlechte Folgen für die gesamte Gemeinde haben können, zum Beispiel große Strafen und sogar die Schließung der KircheEinige Zeit im Voraus hat unser Metropolit klare Anweisungen gegeben, und zwar allen Vorschriften der Zivilbehörden zu folgen. Alles! Zu diesem Thema sagt Apostel Paulus, dass es keine staatliche Gewalt gibt, die nicht von Gott stammt; jede ist von Gott eingesetzt[3]. Wir als Christen sind verpflichtet, den Vorgesetzten zu gehorchen. Dann folgte noch die offizielle Ansprache unseres Bischofs, dann des Patriarchen. Ich persönlich war von der Ansprache des Metropoliten Tichon von Pskov (Shevkunov) beeindruckt. Er hat sehr genau über die Besonderheiten von Virusinfektionen, ihrer Folgen und über den Kampf mit ihnen erzählt (ich empfehle jedem, sich das Video auf YouTube anzusehen). Das heißt, unsere gesamte Kirchenleitung hat die Gläubigen aufgefordert, sich an die Vorschriften der Behörden zu halten, und sogar am Sonntag zu Hause zu bleiben wobei das persönliche Gebet verstärkt werden musste.

Hast du gewusst, dass Ungehorsam gegenüber den Kirchenvorsteher zur Widersetzung dem Herrn führt? Daher ist es für mich sehr bedauerlich, wenn manche Gläubige ihrem Priester gegenüber ungehorsam sind und sich sogar dem widersetzen, was unser Vorsteher sagt. Dann stellt sich die Frage: «Was für eine Kirche sind wir denn?». Vielleicht sind wir keine Kirche mehr, sondern eine Herde von Widdern, die die Stimme Ihres Hirten nicht mehr hören wollen, sondern nur das machen, was ihnen gerade eingefallen ist?

In einer der letzten Predigten in Traunreut habe ich ein Gespräch zwischen dem Teufel und dem Heiligen Makarios dem Großen zitiert. Der Teufel beklagte sich, dass er vom Heiligen gequält wurde, weil er, Makarios, stark in seiner Demut war. Pass auf, es ist sehr wichtig: nicht durchs Fasten (weil der Teufel nie isst), nicht durch Wachsamkeit (weil der Teufel nie schläft), sondern durch die Demut des Heiligen gequält wurde. In diesem Zusammenhang wollen wir uns noch einmal daran erinnern, dass die Zeit der Beschränkungen mit der Fastenzeit zusammenfiel. Dementsprechend war es unsere Aufgabe als Christen die Tugenden wie Demut und Gehorsamkeit zu stärken.

Wenn eine Person aus Nachlässigkeit und Faulheit nicht in die Kirche geht, dann ist das natürlich eine Sünde. Der Heilige Johannes Chrysostomus sagt in seiner Osteransprache, dass der Herr sogar unsere guten Absichten annimmt. Das heißt, wenn ein Christ aus der demütigen Gehorsamkeit gegenüber kirchlichen Vorgesetzten oder aufgrund anderer, von ihm unabhängigen Gründen nicht in die Kirche gehen kann, dann wird der Herr dies auch als ein Opfer sehen. Deshalb haben unsere Gemeindemitglieder, die diese Versuchung mit Demut wahrgenommen haben, fleißig zu Hause gebetet, wenn möglich am Gottesdienst zum Beispiel online im Internet teilgenommen haben, alle von ihnen haben letztendlich die Osterfreude empfunden. Apostel Jakob sagt: „Denn wie der Körper ohne den Geist tot ist, so ist auch der Glaube tot ohne Werke.”[4]. In diesem Fall war unsere Gehorsamkeit das gute Werk, mit dem man dem Herrn die Stärke seines Glaubens zeigen kann.

– Liturgien wurden während der Fastenzeit, in der Osternacht und auch später ohne Gläubige gefeiert, die Kirche war leer. Was haben Sie dabei gefühlt, welche Gedanken haben Sie besucht?

– Ich hatte verschiedene Gedanken und Gefühle und wurde sowohl von den Vorstellungen über die letzten Zeiten, als auch vom ruhigen Geisteszustand überragt. Für mich war diese Erfahrung einmalig, aber in der Geschichte der Kirche gibt es viele ähnliche Beispiele. Als im 20. Jahrhundert massenhaft Kirchen und Klöster geschlossen wurden, zelebrierten Priester heimlich die Gottesdienste, dies geschah sogar in Baracken sowjetischer Straflager. Ein Priester ist schließlich aufgerufen, Liturgien zu feiern, auch allein, ohne Chor oder anderen Gläubigen. Das heißt sich zu beschweren wäre wirklich eine Sünde!

Bei der ersten Liturgie in der leeren Kirche hatte ich ein seltsames Gefühl, doch diese Leere hatte nur einen äußerlichen Charakter. Ich konnte doch dem Herrn das blutlose Opfer am Altar darbringen, mit mir betete unser Altarhelfer, der Chor hat gesungen, draußen standen einige Gläubige. Zu dieser Zeit habe ich ganz besonders die Unterstützung der Heiligen gespürt, deren Reliquien bei uns aufbewahrt werden und deren Antlitze auf Ikonen abgebildet sind. Durch ihre Gebete wird doch der Übergang der irdischen Kirche in die Himmlische Kirche ermöglicht. Und so wurden wir aus dem Zustand der inneren geistigen Leere fast in die Engelswelt übertragen, und unsere Seelen wurden mit Stille und Liebe erfüllt.

Ich denke, es ist uns damals wirklich gelungen, die Gesinnungsgleichheit und die nötige Einheit zu erreichen, die alle Gläubigen während der Liturgie vereinen sollte. Kannst du dir vorstellen, einige der Gemeindemitglieder waren sogar bereit, während des Gottesdienstes draußen bei den Fenstern und Türen zu stehen, nur um etwas von Gesängen und Hymnen der Heiligen Liturgie mitzubekommen und sich dadurch in einem gemeinsamen Gebet zu verbinden. Jemand hat zu dieser Zeit zuhause gebetet und nahm am on-line Gottesdienst teil. Die Kommunikation innerhalb der Gemeinde wurde also nicht unterbrochen. Gott sei Dank, haben wir alle gemeinsam gebetet, und ich sehe, dass auch hier der Herr seine Barmherzigkeit offenbarte.

– In der Fastenzeit war es für einige Gläubigen schwer, keinen Zugang zu den Sakramenten zu bekommen, damit fiel doch die gewisse geistige „Nahrung“ weg. Haben Sie hier Ausnahmen gemacht?

– Solche Fälle haben tatsächlich stattgefunden, dies war aber außergewöhnlich selten und nur falls es sehr nötig war. Dabei wurde natürlich aufgepasst, dass die Sicherheitsmaßnahmen und die vorgeschriebene Distanz eingehalten wird. Verstehst du, in verschiedenen Lebensabschnitten spendet Gott den Menschen gewisse Lehren, einen gewissen Trost, Wachstum und sogenannte „wonnige Nahrung“. Dies habe ich bei der Einschätzung der Risiken beachtet, und aufgepasst, dass die Vorschriften nicht missachtet wurden, dass weder unsere Gemeinde noch die Gesundheit der Beteiligten gefährdet wurde. Letztendlich sehe ich, dass sich diese Taten tatsächlich gelohnt haben.

– Während der Ausgangsbeschränkungen haben einige Menschen, darunter auch Gläubige, unter der Schwermut gelitten. Im Internet gab es jede Menge der mit Apokalypse verbundenen Vorstellungen. Menschen sehen in den aktuellen Ereignissen ein Omen des Weltunterganges, einige haben Angst vor dem Impfstoff gegen Corona-Virus und Nano-Chips und meinen, es wird das Siegel des Teufels sein. Sie haben einmal erzählt, dass sogar in unserer Gemeinde solche Gedanken schwebten. Warum entsteht diese Angst und wie soll ein Christ vorgehen, falls er ähnliche Gedanken hat?

– (lächelt) Ich habe bereits mehrmals gesagt, dass ein Christ stets rational nachdenken soll.  Wollen wir also gemeinsam überlegen.

Einerseits können wir die Ankunft des Jüngsten Gerichtes durch unsere Reue und ehrliche Buße verschieben. Gott will doch so viele Menschen retten wie möglich und im Himmel ist die Freude über einen einzigen Sünder, der umkehrt, größer, als über neunundneunzig Gerechte, die es nicht nötig haben umzukehren.[5] Andererseits nähert sich die Welt ihrem unentbehrlichen logischen Ausklang. Sogar Jesu Schüler – die Apostel – waren bereits auf Seine zweite Ankunft gespannt, doch jenen Tag und jene Stunde kennt niemand, auch nicht die Engel im Himmel, nicht einmal der Sohn, sondern nur der Vater.[6] Unsere aktuellen Taten, Ängste und Panik jedoch zeugen davon, dass wir ja gar nicht wollen, dass Gott wieder zu uns kommt. Natürlich, ist es ein Zeichen unseres sündigen Zustands. Weiß du noch, was Apostel Paulus sagte: „Denn für mich ist das Leben Christus und das Sterben Gewinn“[7]. In der Tat ist es aber leider so, dass auch wenn Gott kommen wollte, würden wir ihm sagen: „Oh nein Lieber Gott, warte noch ein Bisschen, komme nicht jetzt gleich“.

Aber natürlich wird die Apokalypse einmal kommen, die Menschheit wird da nicht auskommen. Eine wichtigere Frage ist aber, wer und was wir dabei tun werden. Denn wenn sich eine Person ständig in Kleinmut befindet, heißt es, es ist dem Teufel gelungen, sie vom Gott zu trennen. Noch einmal, Jesus Christus hat gesagt: „In der Welt seid ihr in Bedrängnis“[8]. Er hat doch nie gesagt, dass wenn wir gottselig sein werden, dass wir in Freudenfülle und Reichtum leben. Nichts dergleichen! Kummer und Schmerz wird es immer geben, wenn es aber bereits in diesem Leben alles so sonnig und wunderbar wäre, würden wir dann zum Himmelsreich streben?

Weißt du noch wie ich dir gesagt habe, dass der Kleinmut ein anderer Aspekt des Hochmutes ist und normalerweise über diejenigen Menschen herrscht, die nicht bereit sind, sich von irdischen Bürden zu befreien und mit Christus zu leben? Indem man sich in die innere Unruhe versetzt, gibt man seinen Verstand dem Feind ab. Ein Christ sollte deswegen immer die innere Ruhe anstreben, ohne diese Ruhe funktioniert das ganze Konzept „Mensch“ nicht mehr. Als ein Hilfemittel gegen den Kleinmut könnte die Heilige Schrift sein, das Psalmenbuch ist hier besonders hilfreich.

Im Kleinmut befinden sich normalerweise kleingläubige Menschen, ein Christ sollte deswegen immer wieder seinen Glauben stärken. Mann soll endlich verstehen, dass wir ohne Gott nichts können. So hat zum Beispiel Gott dieses Virus zugelassen, wir sollten aber einsehen, dass auch das seine Fürsorge um uns ist. Das Beste, was wir dabei machen könnten, demütigt Ihm dankbar zu sein. Und dann für diejenigen, die keine weiße Fahne hissen und nicht klagten, wie schlimm alles war, spendete Er Trost, Ermutigung und Freude.

Nun was die Chips angeht: meines Erachtens ist es eine sehr wenig erforschte Frage. Es ist noch zu früh zu behaupten, dass dies DAS Siegel sein sollte. Ich kann mir vorstellen, dass Technologien, welche wir heutzutage aktiv entwickeln, die Vorboten der Apokalypse sein könnten, jedoch berichtet das Evangelium über ganz andere Prämissen.

Ich tendiere eher dazu, dass diese Krankheit als eine Zulassung Gottes nötig ist, um eine gewisse geistige Immunität zu entwickeln. Was, wenn eine schlimmere Krankheit kommen würde, und wir haben es nicht einmal gelernt, diszipliniert zu sein! Wahrscheinlich gibt uns Gott dadurch noch eine Möglichkeit, über Technologien nachzudenken, die wir heute aktiv entwickeln. Diese COVID-Periode hat gezeigt, dass man an gewissen Stellen bremsen sollte.

– Geben Sie zu, es ist doch sogar für gläubige Menschen schwer, diese Situation demutvoll anzunehmen. Für die moderne Welt ist eine Pandemie in solchem Ausmaß eine ganz neue Erfahrung, und viele wissen einfach nicht, wie sie sich dabei verhalten sollten.

– Du hast Recht, überall werden Menschen krank, sie leiden uns sterben, sie sind irritiert. Besonders in westlichen Ländern sind solche Schwierigkeiten neu. Manche Orte befinden sich noch immer unter Quarantäne, manche Menschen sprechen über die zweite Welle der Krankheit. Die weitere wirtschaftliche Entwicklung ist auch noch nicht klar und nur Gott kennt, welche Prüfungen uns noch bevorstehen.

Noch einmal: Wir, Christen, müssen uns auf Gott verlassen und verstehen, dass alles auf der Welt entsprechend seines Willens und seiner Gnade passiert. Weißt du noch, wozu Jesus Christus im Evangelium am häufigsten appelliert? – „Fürchtet nicht!“ – sagt Er Seinen Schülern und uns. Wenn Gott an unserer Seite ist, wer kann dann gegen uns sein?

Wir haben auf einmal die Beschränkungen bekommen. Nun müssen wir Gott danken, dass Er zugelassen hat, dass wir in Ruhe und Stille zusammen sein können. Wir müssen Gott für jeden Tag danken, für die Beschränkungen, die Er uns geschickt hat sowie dafür, dass wir noch immer gesund sind.

– Für was sind Sie Gott dankbar?

– Dafür, dass bis jetzt die Krankheit meine Familie und unsere Gemeinde nicht erreicht hat, denn mir sind keine konkreten Fälle in unsrem Kreis bekannt. Ich bin dankbar für die Freude, die unsere Seelen nach dem Beten erfüllt hat. Generell habe ich für mich viele wichtige Dinge entdeckt.

– Möchten Sie Ihre Erkenntnisse mit uns teilen?

Ich glaube für diejenigen, die vom Virus verschont wurden, hatte Gott es so vorgesehen, dass sie zuhause bleiben müssen und dadurch Zeit mit Familie und im Gebet verbringen können.

Ich habe auch bemerkt, dass sich Menschen endlich einander richtig gesehen haben. Stell dir vor, wenn zum Beispiel früher beide Eltern schichtweise gearbeitet haben, dann konnten sie sehr selten alle zusammen sein. Nun, auf einmal sind sie alle zur gleichen Zeit zuhause. Es gab natürlich auch solche Eltern, die weder selbst, noch mit ihren Kindern beteten, aber auch sie waren froh, die Gelegenheit bekommen zu haben zusammen zu sein. Es ist genau das, worüber Vater Nikolaj (Artjomov) aus der Münchner Gemeinde gesprochen hat, als er uns zum Fest Mariä-Schutz besucht hatte: heute hat man es verlernt, innerhalb der Familie zu kommunizieren. Ich hoffe aber, dass diese Beschränkungen positive Korrekturen gemacht haben.

Die letzten Geschehnisse haben gezeigt, dass ein Christ ständig rational nachdenken muss. Es war wichtig, nicht nur sich selbst zu schützen, sondern nicht zum Träger zu werden. Das heißt, indem man sich freiwillig zurückgezogen hat, konnte man andere Menschen schützen und das Gesundheitssystem entlasten. Und eben hier war es wichtig, christliches Verständnis und Demut anzuwenden.

– Batjushka, wie haben Sie diese Fastenzeit verbracht?

– Meine Familie sowie unsere Gemeinde waren verschont und mit diesem Virus wurde keiner angesteckt. Deswegen war für mich die Fastenzeit in COVID-Bedingungen eher ruhig, erfüllt von Nachdenken und Gebeten. Für unsere Familie war diese Zeit vereinigend. Mittags und abends (morgens hatten die Kinder on-line Unterricht) haben wir gemeinsam gebetet, täglich haben wir Akathistos dem Erlöser gelesen, zusammen beteten wir über die Erlösung vom Virus. Regelmäßig haben wir unsre Kirche besucht. Wir haben auch über die Heilige Schrift diskutiert sowie die Gesetz Gottes besprochen.

Matuschka hat noch einmal das Alte Testament gelesen und hat wieder viel Neues entdeckt. Im Licht dieser neuen Erkenntnisse ist das Neue Testament noch wichtiger für sie geworden.

Für mich war es besonders erfreulich, dass manche Gemeindemitglieder endlich ihren Kindern mehr Zeit widmen konnten. Ich habe das nicht nur am Telefon erfahren, sondern auch persönlich beobachtet, als ich sie besucht habe. Gott sei Dank, wurde es hier nicht verboten, spazieren zu gehen, wie zum Beispiel in Russland. Generell habe ich gesehen, dass Deutschland und Österreich ziemlich klug die ganzen Prozesse organisiert haben. Sogar bei Beschränkungen für die Kirche habe ich keine besondere Übertreibung bemerkt, man hat Gläubige mit Respekt behandelt. Ja, es gab viele Beschränkungen, aber wo gab es sie nicht? Das Wichtigste für mich war jedoch, dass ich ganz klar erkennen konnte, dass Gott zu uns gnädig ist.

– Batjuschka, nun ist die Fastenzeit hinter uns, wir haben Ostern gefeiert. Was kommt nun auf uns zu? Was können Sie, als unser Hirte, uns wünschen / empfehlen?

– Als erstes, möchte ich allen den Frieden wünschen. Dies kann man nur dann haben, wenn man Gott ehrt und Heiligkeit anstrebt, sowie gegen seine Leidenschaften kämpft, statt zu klagen, dass alles schlecht sei.

Ich habe auch einen starken Wunsch, dass unsere Gemeindemitglieder sowie alle Menschen Gott immer dankbar sind. In allem sollte man Seinen Plan erkennen: in jedem Willen unseres Herzens, in jedem Wunsch, in die Kirche zu kommen. Das wichtigste ist, man sollte den Plan Gottes durch das Prisma der Gehorsamkeit und der inneren Demut schauen. Ich wünschte, dass die Gläubigen den richtigen Weg weiterfolgen würden, den Sie in der Fastenzeit eingeschlagen haben.

Nun haben wir gerade Ostern gefeiert. Gott ist auferstanden und hat uns mit dem Eintreten des Feuerwunders wieder Seine Gnade gezeigt. Wir haben geweihtes Kulitsch mit Ei als Symbol des ewigen Lebens zu uns genommen. Wir haben gejubelt und „Christi ist auferstanden!“ verkündet, wir konnten eine Osterkerze anzünden und in der Kirche beten. Allmählich werden die Beschränkungen in Österreich und Deutschland aufgehoben und wir haben das Gefühl, zum „alten“ Leben zurückkehren zu können. Ich möchte sehr, dass Menschen das schätzen, was sie grade haben: Zum Beispiel unsere alte, aber sehr gemütliche Kirche in Salzburg, oder unsere Gemeinden in Traunreut und Rosenheim. Gott zeigt uns doch, dass wir es nicht immer haben können. Deswegen wollen wir es jetzt schätzen, statt später zu klagen und heulen, dass wir etwas verloren haben, auch wenn nur auf kurze Zeit! Gott bewahre, dass wir es für immer verlieren!

Ich möchte es noch einmal betonen: wir  Christen, müssen immer rational nachdenken. Wenn unsere Hände nicht im Einklang mit dem Kopf arbeiten würden, und wenn uns die Beine nicht dorthin führen würden, wo ihnen das Gehirn befiehlt, dann kommt es zu einer Tragödie. Und wenn unser Herz nicht auf den Geist hört und der Kopf nicht dem Göttlichen Geiste zuhört, der aus der heiligen Liturgie und der Heiligen Schrift zu uns spricht, dann kommt es zu einem geistigen Tod. Meine Lieben, denkt immer nach, vergleicht euer Leben und die Situation, in der ihr euch gerade befindet mit dem, was Gott uns sagt.

Es ist wichtig, mit Jesus aufzuerstehen. Wir wurden schon in seinem Namen getauft. Nun sollten wir während der Fastenzeit und besonders der Karwoche nicht nur zusammen mit Ihm sterben, sondern auch zu Ostern zusammen mit Ihm auferstehen. Wir sollten unsere Familien, unsere ganze Gesellschaft auferwecken.

Letztendlich wünsche ich allen den inneren Frieden und bitte dabei, weniger gelbe Presse zu lesen, weniger Spots auf YouTube zu verfolgen, weniger Virus-Messages zu lesen. „Das Auge gibt dem Körper Licht. Wenn dein Auge gesund ist, dann wird dein ganzer Körper hell sein[9]. Das heißt, wenn man sich nur auf etwas Negatives konzentriert, dann wird man von diesem Negativen verschlungen, und es ist dann sehr schwer, daraus errettet zu werden. Eben das sollten wir alle klar verstehen, um im aufgewühlten Meer des Lebens nicht zu ertrinken.

Und das Letzte was ich heute sagen möchte: Jesus ist vor zweitausend Jahren auferstanden, und das bedeutet, es gibt keinen Tod mehr und die Ära des Kummers ist beendet, die Ära der Freude hat aber gerade begonnen. Gott ruft jeden zu Sich und begrüßt uns mit offenen Armen: „Kommt alle zu mir, die ihr euch plagt und schwere Lasten zu tragen habt. Ich werde euch Ruhe verschaffen[10].

– Batjuschka, vielen Dank für die Wünsche sowie für das angenehme Gespräch!

– Gott sei Dank für alles!

 


[1] Matthäus, 5:8

[2] Hesekiel, 33:11

[3] Der Brief des Paulus an die Römer, 13:1

[4] Der Brief des Jakobus, 2:26

[5] Das Evangelium nach Lukas, 15:7

[6] Das Evangelium nach Matthäus, 24:36

[7] Der Brief des Paulus an die Philipper, 1:21

[8] Das Evangelium nach Johannes, 16:33

[9] Das Evangelium nach Matthäus, 6:22

[10] Das Evangelium nach Matthäus, 11:28

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